12.05.2014

I am what I am. And what I am needs no excuses.


Da gewinnt eine bärtige Travestie-Künstlerin den Eurovision Song Contest mit wirklich respektablem Abstand und dem viertbesten Ergebnis der Eurovision-Geschichte, Menschen, von denen mir nichtmal mehr bewusst war, dass sie bei Facebook registriert sind, posten auf einmal Würste und Regenbogeneuropa klatscht kurz in die Hände, doch kaum wird der Jubel zu laut, wachen sie auf und kommen aus ihren Löchern gekrochen: Die Nörgler. Die Stinkstiefel. Die Muffelköpfe. Die davon zehren, ihren Mitmenschen die Welt zu erklären, und zwar möglichst in einer Farbpalette, die das Aufkeimen jeglichen Optimismus' im Keim erstickt. Denn wo wären wir denn, wenn wir so etwas wie Hoffnung zuließen? Am Ende der Vernunft. Mindestens. Vielleicht klingt das ein bisschen frustriert, und keinesfalls möchte ich damit alle, die im Rahmen der aktuellen Euphorie auch erwähnen, dass der Kampf für Toleranz und Vielfalt weder erst gestern begonnen noch gestern endlich geendet hat, über einen Kamm scheren, aber dieses schlecht gelaunte Volk der pathologischen Pessimisten erregt schon länger mein Gemüt. Und die Charakterisierung unterstreicht meinen Punkt: Kann man sich denn nicht einfach mal freuen? Nur mal kurz? Der vom Moment gegebenen Euphorie die Chance geben, Menschen zu beflügeln? Und bereits beflügelte Menschen ein bisschen fliegen lassen, statt sie direkt vom Himmel zu schießen?

Wer nicht weiß, worum es geht, dem kann ich es wahrscheinlich auch nicht schlüssig erklären, aber ich versuch's trotzdem: Die Travestie-Künstlerin Conchita Wurst, verkörpert von Tom Neuwirth, hat gestern Abend den 59. Eurovision Song Contest für Österreich gewonnen. Womit sie ein Zeichen für Toleranz, Vielfalt und Individualität gesetzt und vielen Menschen, die ihren Heimatländern und der Europäischen Union bezülich dieser Aspekte skeptisch gegenüber stehen Hoffnung verliehen hat, dass alles vielleicht doch nicht ganz so schlimm im Argen liegt, und dass wenigstens Kultureuropa in allen Ebenen mehrheitlich gewillt ist, zu leben und leben zu lassen ohne zu diskriminieren. So zumindest sehen es die Optimisten. Deren Optimismus zum Teil leider auch in unreflektierte Hysterie übergeht, die dann zu Aussagen wie "Gestern ist so viel passiert, wie in den letzten 20 Jahren nicht." (Zitat im Facebook aufgegriffen) verleitet. Was widerum die Kritiker auf den Plan ruft, die durchaus auch mit Recht darauf hinweisen, dass der jahrzehntelange Kampf von Vorreitern und Wegbereitern wesentlich mehr Anerkennung verdient, als der Auftritt von Frau Wurst und dass allein der Sieg einer Drag Queen bei einer Veranstaltung, deren Anhängerschaft sich zu großen Teilen aus LGBT und deren Sympathisanten bildet, noch lange keinen Meilenstein im Kampf um die Rechte der Community bedeutet.



Aus all diesen Argumenten, die in diversen Feuilletons unterschiedlich gewichtet präsentiert werden, kann man sich nun seine eigene Meinung individuell zusammen basteln, aber ich persönlich möchte gern euphorisch bleiben. Denn damit diskreditiere ich keinesfalls die Leistung all jener, die schon gekämpft haben, als Conchita noch Thomas hieß und sich selbst gesucht hat, und ich bilde mir auch nicht ein, dass ein ESC-Sieg die aktuelle Europapolitik in ihren Grundfesten erschüttern wird. Aber ich würdige den Mut, den Conchita Wurst und ihre Begleiter bewiesen haben, als sie sich bewusst dafür entschieden haben, den von vornherein zu erwartenden Shitstorm auszuhalten, um den Ruf nach einem Recht auf ein individuelles Lebenskonzept ganz nach persönlicher Fasson in ein sehr öffentliches Forum zu tragen und damit einen Beitrag dazu zu leisten, dass dieses Anliegen die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Und ich denke nicht, dass es der guten Sachen zuträglich ist, immer alles klein zu reden und tot zu quatschen, nur damit wir bloß niemals in die Verlegenheit kommen, uns aus unserer angestammten Position der unterdrückten und aufgebrachten Minderheit hinaus begeben zu müssen.

Die Musik sollte man, erschlagen von der politischen Dimension, natürlich auch nicht vergessen, und selbst da lässt sich noch ein weiteres Argument für Conchita Wurst anbringen. Singen kann sie nämlich. Und neben vielen Ausführungen, die ganz und gar ausgeblendet haben, dass diese Veranstaltung eine musikalische Komponente hatte, stand unter anderem auch die These im Raum, dass viele Zuschauer des ESC mit ihrem Anruf für Österreich gar kein Zeichen setzen wollten, sondern dass sie den Song einfach mochten. Und wenn diese Menschen für "Rise Like A Phoenix" angerufen haben und dabei überhaupt nichts darauf gegeben haben, dass er von einer Frau mit Bart gesungen wurde, dann ist das doch ein um so schöneres Signal.



Meine persönlichen Top 5 waren András Kállay-Saunders (Ungarn), Sanna Nielsen (Schweden), Conchita Wurst (Österreich), Elaiza (Deutschland) und Carl Espen (Norwegen), Kommentare zu Conchita Wursts Sieg haben neben vielen anderen Autoren Mithu Sanyal für den WDR und Kopfkompass für den Freitag verfasst, alle Statistiken und die Punktetafel finden sich im Wikipedia-Artikel zum ESC 2014, die Unterschiede, die zum Teil zwischen Jury-Voting und Zuschauer-Voting klaffen, können sie unter anderem hier nachlesen und das Voting der deutschen Zuschauer und der einzelnen, deutschen Juroren im Detail gibt es hier.

Und ich glaube, das reicht dann auch.
Gute Nacht, buntes Europa.

*plöpp*

Kommentare:

Octapolis hat gesagt…

Das war doch wieder ein Fest... ;o)
Ich hatte den Norweger höher auf dem Zettel stehen, aber man kann ja nicht alles haben, zum Schluß geht es ums Große & Ganze. ;o)

André hat gesagt…

Wahre Worte ;)

Ich hab' eigentlich jedes Jahr Acts ganz weit oben auf meinem Zettel stehen, die sich nach der finalen Punktevergabe im besten Fall mit Ach und Krach ins Mittelfeld retten konnten. Aber es muss ja nichts Schlechtes sein, nicht mit dem kollektiven Geschmack überein zu stimmen :)

Octapolis hat gesagt…

Genau so ist es. Es wäre auch mächtig unheimlich, jedesmal den direkten Riecher für die ersten 10 zu haben. Dann wären wir geschmacklich doch zu eng bei unseren Eltern, haha...