12.08.2013

"Als sie mich holten, gab es niemanden mehr, der protestieren konnte."
[Martin Niemöller]


Mein Opa hat schon vor einigen Jahren aufgehört, Zeitung zu lesen. Zu viele Schlagzeilen machen ihn wütend, betroffen oder hilflos. Und er hat Blutdruck. Deswegen schneidet meine Oma ihm die Artikel über Eisenbahnen und Katzenbabies aus und mit dem Rest muss sie alleine klar kommen. Macht sie gerne. Ihr Blutdruck ist okay. Und auch wenn das der Opa ist, dem ich in keinerlei Hinsicht nacheifere und dem meine Therapeutin damals alles in die Schuhe schieben wollte, ohne dass ich sie darum gebeten hatte - was diesen Aspekt seiner Alltagsgestaltung angeht, kann ich ihn verstehen.


Ende Juni 2013 hat Wladimir Putin ein landesweites Gesetz unterzeichnet, das "Homo-Propaganda" jedweder Form unter Strafe stellt. Die "Werbung" für bzw. positive Darstellung von Homosexualität, den entsprechenden Lebensentwürfen, Partnerschaftsmodellen und Gefühlen kann dadurch mit Geldstrafen, vorübergehendem Berufsverbot oder auch Freiheitsentzug geahndet werden. Was nüchtern vorgelesen zwar schon vollkommen absurd klingt, aber vielleicht noch nicht so richtig ans Herz geht.



Wo es anfängt, weh zu tun, sind die Berichterstattungen über das, was dankbare Homophobiker daraus machen. In St. Petersburg sieht es beim CSD weit weniger fröhlich aus, als hierzulande (siehe auch Video). Und in den Wohnzimmern schwulenjagender Neonazis wird es dann richtig bitter. Nicht, dass es nicht in jedem Land vollkommen weltfremde Vollpfosten ohne jeden Respekt, jede Ehre und jeden Sinn für die individuellen Rechte eines jeden Menschen gäbe. Aber in Russland haben sie jetzt eine gesetzliche Legitimationsgrundlage für Praktiken, für die sie eigentlich selbst an den Pranger gehören.


Und während russische Politiker es für vollkommen legitim halten, dass sich die Gesellschaft gegen derlei Widernatürlichkeiten auch selbst hilft und gemeinsam mit Verantwortlichen des IOC kein Problem für die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi sehen, weil "bei einem Sportfestival nur über Sport geredet wird" (Witali Mutko) und schließlich "jeder seine Privatssphäre bewahren kann" (Lamine Diack), sitzt man daheim sprachlos vorm Monitor und weiß nicht so recht, wohin mit den Emotionen.


Stephen Fry
schreibt einen leidenschaftlichen Brief an David Cameron und das IOC, in dem er Wladimir Putin mit Adolf Hitler vergleicht, und Eleanor Margolis erklärt noch einmal, warum dieser Vergleich tatsächlich angemessen ist. Tilda Swinton stellt sich in Moskau vor die Basilius-Kathedrale (und ein Polizeifahrzeug) und sendet mit der Regenbogenflagge homo-propagandistische Grüße "In solidarity. From Russia with love". Und Jón Gnarr, seines Zeichens Bürgermeister von Reykjavík, denkt offen darüber nach, die Städtepartnerschaft mit Moskau zu beenden.


Da ich allerdings weder ein britischer Vorzeige-Intellektueller, noch eine Oscar-prämierte Schauspielerin noch Bürgermeister einer europäischen Hauptstadt bin, unterschreibe ich fleißig weiter Petitionen, versuche mich so gut es geht zu belesen und habe heute ein paar meiner übrigen Euros an den Quarteera e.V. gespendet - ein Verein, der sich besonders mit den Belangen der russischen LGBT-Gemeinden in Deutschland und auch anderswo befasst. Und dessen Mitglied Regina Elsner (Mitgliedin? Ohneglied? Ist das Wort "Mitglied" noch nicht gegendert??) im Interview mit queer.de erklärt, warum Wodka-Boykotte, Blockaden und das Aufkündigen von Beziehungen wenig produktiv sind und warum es stattdessen wichtig ist, Flagge zu zeigen, aktiv in den Austausch zu gehen, niemals auch nur in die Versuchung zu kommen, wegzusehen, und das Thema präsent zu halten. Wozu ich hiermit meinen Beitrag leiste.


Und falls ich jetzt irgendjemanden motivieren konnte, sich noch intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen, ein paar Unterschriften zu leisten oder gar ein paar Euros zu geben:





Man ist beinahe versucht, sich einen rosa Winkel zu besorgen und nach Moskau zu fliegen, um vor'm Kreml zu knutschen. Aber dafür fehlen dann doch die Eier. Falls jemand Informationen zu Aktionen hat, die weniger gesundheitsgefährdend die Möglichkeit bieten, Zeichen zu setzen, dürfen diese gern hier oder sonstwo mit mir geteilt werden.

Regenbogen-*plöpp*

Kommentare:

Spontiv hat gesagt…

Sehr guter Artikel! Die 5 Stunden wurden gut genutzt!

André hat gesagt…

Danke! :)