25.05.2015

Hedi Schneider steckt fest.


Hatte ich also gestern ein tolles erstes Date im Waldseilgarten Bühlau, nur um heute früh zu erfahren, dass es kein zweites geben wird. Zu wenige gemeinsame Berührungspunkte. Wobei wir gestern über nichts anderes geredet haben als die ganze Woche schon. Nur dass gestern noch meine Person dazu kam. Ich interpretiere das mal nicht. Sondern löse stattdessen meine Besondere-Zwei-Euro-Münzen-Sammlung auf, um sie in der Schauburg auf den Kopf zu hauen:



"Hedi Schneider steckt fest". Eine erschreckend authentische Studie darüber, was es bedeutet, wenn ein "normaler" Mensch, der ein "normales" Leben führt und stabil in seiner Umwelt steht, plötzlich Psychosen entwickelt, denen er ohne jede Kontrolle zum Opfer fällt und gleichzeitig jeden, der sich in seinem Radius bewegt, unwillentlich mit in den Sog der Verweiflung zieht.



Im Marketing wird der Film als "bemerkenswert leichte Tragikomödie" verkauft. Es soll ja schließlich keine heitere Seele davor zurück schrecken, sich in den Kinosaal zu setzen. Und durchaus ist auch die ein oder andere wirklich lustige Szene im Film verbaut. Es ist ja schließlich auch nicht so, dass wir gar nichts zu lachen hätten. Aber in der Hauptsache war ich erschüttert, wie überzeugend Laura Tonke in ihrer Rolle der Hedi Schneider die depressive Angstpatientin mit markerschütternden Panikattacken dargestellt hat, und wie sensibel der Film auch ihre Umwelt gezeichnet hat. Und jeder, der meint, dass die Situationen im Film überspitzt dargestellt gewesen wären, dem sei aus erster Hand versichert, dass er sich irrt.

Wir liegen wirklich genau so am Boden, wie gelähmt, und sehen innerhalb unserer Scheuklappen nur noch das nahende Ende, oder sehnen es herbei.

Wir schlucken unsere Tabletten wirklich mit Vodka, in der Hoffnung, dass das hilft.

Wir krauchen wirklich im Morgengrauen durch beliebige Einöden, weil wir uns da sicher fühlen und dort in unserer grenzenlosen Hilflosigkeit auf irgendeine Antwort von sonstwoher hoffen.

Wir wünschen uns wirklich, einfach sagen zu können, wir hätten Krebs, um wenigstens einmal ernst genommen zu werden und um eine kleine Ahnung dafür erwecken zu können, wie massiv unser Leben eingeschränkt ist, obwohl "doch alles noch funktioniert".

Wir haben wirklich Bezugspersonen, die sich liebevoll und verständnisvoll aufopfern und ihr eigenes Leben für uns pausieren, nur um schließlich zu erkennen, dass sie der Krankheit genau so machtlos ausgesetzt sind, wie der Mensch, den sie retten wollten. Die im Zweifelsfall von Dritten auch noch die Schuld dafür zugewiesen bekommen, dass sie das Problem nicht schnell genug und zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen konnten. Und die im zweifelshaftesten aller Fälle ihr Glück zu Recht in Armen suchen, die mit sich selbst ein bisschen mehr im Reinen sind, als das zerrissene Elend, dass sie schon lange verloren haben.

Wir haben alle den einen Angehörigen, der uns erklärt, dass er sich früher, wenn es ihm schlecht ging, einfach nur unter die kalte Dusche gestellt hat. Wir haben alle diese Mitmenschen, die besser nie etwas von der Diagnose erfahren hätten, weil sie uns in Folge dessen behandeln wie Porzellan. Wir kennen alle das Alltagstraining. Wir machen alle unsere Achtsamkeitsübungen. Und wahrscheinlich hat auch jeder von uns schon mindestens einmal einen "Neuanfang" inszeniert, in der Hoffnung, das Böse einfach hinter sich lassen zu können.

Aber trotzdem sind wir immernoch die Menschen, die ihr mal kennen und lieben gelernt habt, und wir freuen uns über jeden, der an den guten Tagen Zeit für uns hat, und noch ein bisschen mehr über die drei, die sogar an den schlechten Tagen auf SMS antworten.

Jetzt heul' ich schon wieder.
Dabei wollte ich eigentlich nur erzählen, wie schön der Film das Thema illustriert.
Falls sich jemand für das Thema interessiert.

*plöpp*

Kommentare:

Danny hat gesagt…

Was ist Deine Besondere-Zwei-Euro-Münzen-Sammlung?

André hat gesagt…

Na so spezielle 2-Euro-Münzen, die einzelnen Bundesländer-Prägungen, die Sonderprägungen zu irgendwelchen Jahrestagen... die man immer nicht ausgeben will, aber letztendlich hat man dann einen Stapel Münzen zu Hause, der einen auch nicht weiter bringt. Deswegen durften die gestern mal einem echten Zweck dienen ;)