01.11.2015

Das kleine Reisetagebuch: Im Schatten der Tamariske.

As-salāmu ʿalaikum! Zwar ist es hier noch eine Stunde früher, als in Deutschland, aber nach 5 Tagen in der Wüste und 6 Tagen ohne Dusche oder Waschbecken fühlt sich auch 21:57 schon sehr spät an, daher an dieser Stelle ein kurz gefasster Gruß von meinem Zwischenaufenthalt zwischen Sahara und dem Hohen Atlas! (Wer den genauen Reiseverlauf nochmal nachvollziehen möchte: Hier entlang.)

Nachdem ich drei Tage benötigt hatte, um Marrakesch schätzen zu lernen, ging es am Montag Morgen nach einem Glas frisch gepresstem O-Saft zum Eingangstor meiner lieb gewonnen Hood und dort direkt in den Kleinbus, in dem ich meinen deutschsprachigen Trekking-Führer und meine 5 Mitwanderer kennen lernte - allesamt unglaublich angenehme Menschen, wie sich herausstellen sollte.


Am Montag noch im Dunklen in der Wüste angekommen und im Stirnlampen-Crashkurs schnell gelernt, wie unsere Zelte aufzubauen sind, begann die wahre Wüstenerfahrung am Dienstag nach einem ausgiebigen Frühstück unter der Sonne Marokkos, und die Wüstenerfahrung war wahrlich a humbling experience. Humble/ humility/ humbling ist auch so eine Vokabelgruppe, für die es im Deutschen keine schöne, angemessene Übersetzung gibt. Demütig/ Demut/ demütigend wäre die wörtliche Übersetzung, aber eigentlich meint die englische Vokabel etwas anderes. Demut, gepaart mit Bescheidenheit angesichts des Erlebten... also nicht im negativen Sinne, sondern in dem Sinne, dass das eigene Weltbild wieder ein bisschen zurecht gerückt wird, wenn man für eine gewisse Zeit vor Augen geführt bekommt, dass man zu Hause eigentlich lebt, wie die Made im Speck, und dass es ein wahrer Luxus ist, sich tagtäglich über all die banalen Kleinigkeiten aufzuregen, über die man sich so aufregt.


Und genau diese Begradigung des Weltbildes findet statt, wenn man 5 Tage lang durch die Wüste marschiert, keine einzige Wolke am Himmel, die Sonne erbarmungslos am lachen, der Schweiß gnadenlos am Laufen, die vereinzelten Tamarisken aller 4-5 km die einzige Rettung. Und wenn man die kühlen Nächte auf einer Schaumstoffmatte mit Blick auf die Milchstraße verbringt. Und wenn man irgendwann sogar warmes, stilles Wasser gerne trinkt, weil man das Gefühl hat, zu Staub zu zerfallen. Und wenn man sich am letzten Tag der Tour schwach, schlapp, elend und am Ende fühlt wie ein Klischee-Wüstenwanderer auf Gewaltmarsch, weil man die Nacht davor komplett durchgekotzt hat und beim besten Willen keinen Bissen drin behalten kann. Und wenn man einen 67jährigen Herren kennen lernt, der vor 27 Monaten gesagt bekam, dass er mit 85%iger Wahrscheinlichkeit noch 24 Monate zu leben hat, und der sich deswegen sehr freut, dass sein Traum, einmal durch die Wüste zu wandern, doch noch wahr wird. Und wenn man 5 Tage lang nur in ein Loch in der Erde ka*ken kann. Und [...]


Die Liste ließe sich noch um einiges weiter führen, aber ich denke, sie bekommen eine ungefähre Idee. Und wenn man dann nach erfolgreich bewältigter Wüstendurchquerung auf der Rückfahrt seine eisgekühlte Fanta bekommt, an die man während seines besagten post-emetischen Gewaltmarschs die ganze Zeit gedacht hat, um weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen, war es das alles gleich nochmal wert.


Der heutige Tag war dann schon wieder fast einen eigenen Blogpost wert, aber da ich mit meiner Zeit gut wirtschaften muss, werde ich gleich nochmal auf der Dachterasse nachsehen, ob meine Wäsche noch hängt oder schon weg geflogen ist und mich danach in meine edlen Daunen verziehen und den Schlaf des Gerechten schlafen. Sehr verdient, wie ich finde.

Guts Nächtle, und
*plöpp*

Kommentare:

Octapolis hat gesagt…

...nun ja, was sollen die dromedare sagen, wenn sie denn sprechen könnten. die müssen praktisch immer in die wüste kacken. aber die sprechen ja nicht...

ansonsten sehr interessant, schöne bilder auch!

viel spaß noch
& immer genung trinken...
;o)

André hat gesagt…

...wenn ich einfach während des Laufens los kacken könnte und alle würden das auch noch niedlich finden, unabhängig von Menge und Konsistenz, würde ich mich auch gar nicht beschweren ;)