22.07.2009

Karl, der Palliativkäfer. [Updated]


Die Betreuung von Palliativpatienten finde ich ja unheimlich spannend. Wenn es auch im Diako keine Palliativstation, sondern lediglich Palliativzimmer gibt, in denen außer Ruhe, Wunschkost und Sekt auch nicht viel mehr geboten wird, als jedem anderen Patienten. Aber das Thema an sich. Spannend.

Und nachdem ich meinem einen Palliativpatienten auf Station heute nach 10 Diensten Tschüß gesagt habe, um mich in 4 freie Tage zu verabschieden, begrüßte mich zu Hause er hier:

Karl, der Palliativkäfer.


Lag auf dem Rücken auf meinem Schreibtisch. Regungslos. Als ich ihm allerdings meinen Finger an den Bauch hielt, griff er danach. Der Greifreflex ist ja auch beim Säugetier Mensch in der Endphase wieder recht ausgeprägt.


Karl, der Palliativkäfer, saß dann eine Weile apathisch auf meinem Finger, zuckte dann und wann, und auf einmal fing er an, über meine Hand zu krabbeln. Kurze Schübe der vollkommenen Funktionstüchtigkeit sind ja auch beim Säugetier Mensch in der Endphase recht ausgeprägt.


War dann aber auch schnell wieder vorbei. Habe Karl, den Palliativkäfer auf ein Blatt meiner Tomatenpflanze gesetzt und ihm einen Tropfen Wasser gegeben. Der Tropfen Wasser war irgendwann weg. Und Karl, der Palliativkäfer lag auf dem Rücken.


Habe ihn wieder umgedreht, jetzt gerade bewegt er seine Hinterbeine. Ich hoffe ja noch, dass sich bei Käfern in dieser Form nur hitzebedingte Schwächeanfälle äußern und dass er morgen früh weggeflattert ist.

Ansonsten habe ich meinen ersten Palliativpatienten bis zum Schluss begleitet.

Update:

Karl, der Palliativkäfer ist nicht mehr. Er hat den Freitod gewählt und sich in einem kurzen Kräfteschub aus dem Fenster gestürzt hat beschlossen, seine letzten Stunden in der Karibik am Strand verbringen zu wollen und brummte gestern zur späten Stunde aus dem Fenster.

Gesehen habe ich es nicht, deswegen kann es auch sein, dass ich zum Umzug einen toten Junikäfer hinter meinem Schreibtisch finde, aber die offizielle Version gefällt mir besser ;)

Kommentare:

Danny hat gesagt…

Dein Karl ist ein Juni- Käfer.
Er oder sie hatte Sex und jetzt das Leben vorbei. Eigentlich beneidenswert...

Your Mother hat gesagt…

Aaah. So sehen also die Juni- Käfer aus, von denen gerade alle sprechen.

Na dann ist er ja ein fröhlich- palliativer Patient. Um so besser ;)

Danny hat gesagt…

fröhlich- palliativ...
Ich glaube da hast Du Recht.

Meine Zeit auf einer Palliativstation war einer der anstrengendsten, aber auch einer der besten Jobs, die ich hatte. Ich habe da unheimlich viel gelernt und – trotz des täglichen Elends und Tods – viel gelacht. Wenn wir den Tod nicht verstecken und verdammen würden, dann könnte er den Bleibenden unheimlich viel geben, vielleicht sogar, auf eine eigenartige Art und Weise die Gewissheit, dass wir tatsächlich „Unsterblichkeit“ erreichen können. Dumm nur, dass wir so viel Angst vorm Sterben haben.

Da hat es der Käfer besser. Er lebt drei Jahre in der Erde, kommt auf die Welt, frisst, hat Sex und stirbt. Ich hoffe, wenigstens er genießt das.

Andre W. hat gesagt…

mit abstrichen ein wahres wort. den tod als teil des lebens zu akzeptieren und zu integrieren, das ist etwas, was eigentlich bereits in der grundschule stattfinden sollte. aber das ist diskussionswürdig. man kann den tod auch niemandem aufdrängen.

es ist halt nur so schade, wenn sterbende menschen direkt mit anderen augen betrachtet werden. das sind menschen wie du und ich, mit gebrechen, die dich und mich jederzeit auch ereilen können. doof halt, wenn es definitiv lethal endet, aber so lange sie nicht tot sind, haben sie es sowas von nicht verdient, bereits wie tot angeschaut zu werden.

ich würde familienmitglieder verkaufen, um auf einer echten palliativstation arbeiten zu können. krankenhausintegrierte palliativbetreuung ist einfach nicht das selbe.

käfer müsste man sein ;)

Andre W. hat gesagt…

kann es sein, dass meine commentbox gerade rumzickt?

Danny hat gesagt…

Ich finde, dass Menschen im Finalstadium trotzdem nicht auf Palliativstationen oder Hospizen „weggesperrt“ werden sollten, sondern dass eine palliative Betreuung Teil jeder Krankenhausstation sein sollte. Wobei mir klar ist, dass das im derzeitigen Krankenhaussystem nicht umsetz- und finanzierbar ist.

Ich wünsche mir, dereinst zu Hause sterben zu dürfen. Im Kreise der Menschen, die mich lieben und nicht irgendwo allein in einem kalten Zimmer eines Altenheims.

Your Mother hat gesagt…

Wenn du Palliativstation mit verriegeltem Altenheim gleichsetzt, verliert die Idee tatsächlich ihren Reiz. Tse.